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Diskussion (28 Beiträge)

Frage:
In dem in Kürze erscheinenden Buch "Feuer, Lebenslust" veröffentlichen Sie die "Parabel vom Perserkater". Die Fliege findet "selbst die Ausländer nicht mehr gesprächig". Sind die Deutschen denn gesprächig?
10.02.2003 / 19.39

Antwort von Mohammad Aref:
Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, wenn es um persönliche Interessen geht, sind die Deutschen sehr gesprächig. Wenn es ein bisschen über die Grenzen des Individuums hinaus geht, dann schweigen sie lieber. Die Unterhaltung kommt nur dann, wenn man sich persönlich betroffen fühlt. Das ist aber kein typisch deutsches Phänomen, das ist ein Menschheitsproblem, oder vielleicht sollte man sagen, das ist auch eine andere Seite der Menschheit.

10.02.2003 / 19.40

Frage:
Sie sind ja seit 1986 in Deutschland und haben viel Erfahrung mit Deutschen. Wann sind die Deutschen selbst betroffen und reden leichter?
10.02.2003 / 19.42

Antwort von Mohammad Aref:
Themen der Wirtschaft machen Deutsche sehr gesprächig. Und dann natürlich Geschichte, europäische Geschichte. Holocaust und Drittes Reich ist ein sehr beliebtes Thema, über das man sehr lange diskutieren kann. Ich habe selten eine Nation gesehen, die sich mit ihrer Geschichte so intensiv auseinander setzt. Es hat vielleicht Zeiten gegeben, als man lieber schweigen oder es vergessen wollte, aber mittlerweile nicht mehr. Ich diskutiere sehr gern mit meinen deutschen Freunden hierüber. Gesprächig werden sie auch bei Politik, Weltpolitik, der Rolle der Europäer im Vergleich zu Amerika zum Beispiel. Das ist ein sehr beliebtes Thema. Ein weiteres Thema, das sehr oft in unseren Freundeskreisen vorgekommen ist, ist die persönliche Identität im Angesicht der Geschichte. Ich habe oft erlebt, dass die Frage nach Schuld viele meiner Freunde sozusagen quält. Ich habe Freunde gehabt, die wirklich darunter gelitten haben, dass sie sich nicht als Deutsche identifizieren wollten. Sie wollten einfach sagen: "Nein, ich bin kein Deutscher, ich bin vielleicht ein Weltbürger, aber ich würde Deutschland nicht als meine Heimat bezeichnen", und dann, wenn man näher diskutiert, stellt man fest, dass viele von diesen jungen Leuten Angst haben, sich mit der deutschen Geschichte zu identifizieren. Natürlich gibt es auch einige, die sich sehr bewusst mit Deutschland identifizieren, besonders nach der Wende, und die Wende wird dann ein Diskussionspunkt. Da kann man wirklich stundenlang miteinander diskutieren und reden und sehen, wie gesprächig unsere deutschen Freunde sind.

10.02.2003 / 19.44

Frage:
Wissen die Deutschen etwas über den Iran?
10.02.2003 / 19.45

Eher wenig. Ein Teil verwechselt den Iran mit den arabischen Ländern, d. h. alles wird zu einer Masse oder zu einer „Einheit“ zusammengeführt. Ein Teil ist differenzierter und weiß, was Iran bedeutet und was die arabische Welt ist, sie wissen sogar, was die persische Sprache ist. Viele denken Persisch ist Arabisch oder ähnlich wie Arabisch, obwohl Persisch der deutschen Sprache näher steht als der arabischen Sprache. Aber ich bin in der letzten Zeit auch vielen Deutschen begegnet, die in den Iran reisen, im Iran waren, und sie interessieren sich für Iraner, die jetzt im Ausland leben. Die kommen auf uns zu, besuchen unsere Veranstaltungen, wir begegnen uns, und es entsteht meistens eine sehr interessante Freundschaft.

10.02.2003 / 19.45

Frage:
Sie schreiben in Ihrer "Parabel vom Perserkater", dass eine Schmeißfliege dem Erzähler vorwirft, er sei entfremdet, angepasst und eingedeutscht. Das ist ja eine Parabel, die Sie offensichtlich auf sich selbst beziehen. Warum kann man Ihnen vorwerfen, Sie seien entfremdet, angepasst und eingedeutscht?
10.02.2003 / 19.46

Antwort von Mohammad Aref:
Obwohl der Erzähler nicht der Autor ist, haben Sie recht, weil in der Kurzerzählung die beiden sich normalerweise näher stehen. Nun in Deutschland nennt man jemanden, der sehr offen Kritik übt, einen Nestbeschmutzer. Ich habe sehr oft über Rassismus innerhalb unserer eigenen Reihen geschrieben. Ich habe sogar vielen iranischen Intellektuellen und Schriftstellern unterstellt, sie seien Rassisten. Es gibt eine Bewegung unter iranischen Oppositionellen, die rassistisch und nationalistisch, ja chauvinistisch ist, die sich auf die iranische Geschichte vor dem Islam beruft. Die Bewegung ist anti-arabisch, und das ist sehr gefährlich und falsch, weil das zwei Paar Stiefel sind. Wenn ich mich damit befasse und auseinandersetze, dann heißt es, du bist ein Europäer oder ein Deutscher geworden, du bist eingedeutscht, du bist entfremdet, weil du deine eigene Kultur angreifst. Auch im Iran haben wir große Probleme, d.h. die Afghaner haben es im Iran genauso schwer gehabt wie viele Ausländer in Deutschland, Frankreich oder England, wo sie angegriffen oder angefeindet worden sind.
10.02.2003 / 19.47

Frage:
Kann man in ein anderes Land gehen und sich der bisherigen Kultur nicht entfremden?
10.02.2003 / 19.47

Antwort von Mohammad Aref:
Ich glaube das geht nicht. In unserer heutigen Welt gibt es keine "reine" Rasse, gibt es keine "reine" Kultur, gibt es keine "reinen" Individuen mehr. Alles ist offen, ob man es will oder nicht. Wenn man sich einkapselt, ist es gefährlich, weil man feindselig wird. Meistens sind diejenigen, die der Welt feindselig gegenüberstehen, gerade diejenigen, welche sich eingekapselt haben. Es ist auch egal, ob ich mich in Deutschland einkapsele oder im Iran in meiner eigenen Kultur.
10.02.2003 / 19.48

Frage:
Es kann aber auch sehr Positives haben, wenn man sich mit einer anderen Kultur offen auseinandersetzt und Elemente aus beiden zusammenführt.
10.02.2003 / 19.48

Antwort von Mohammad Aref:
Ich glaube, das ist gerade das, was viele von uns nicht einsehen wollen, dass wir unterdem Einfluss von mehreren Kulturen stehen, dass wir das Resultat unzähliger Zitate aus anderen Kulturen sind. Ein Iraner, der behauptet, er sei rein Iraner und rein Arier - das ist "pervers", es ist sogar gefährlich. Nehmen wir an, dass diese Person Kulturminister des Iran wird nach einer sogenannten zukünftigen Revolution, was würde er machen? Ich bin da sehr skeptisch.
10.02.2003 / 19.48

Frage:
Sie haben ja nun in Deutschland auch einiges in Farsi veröffentlicht - wenn Sie das jetzt kritisch betrachten, wie hat sich das verändert gegenüber Erzählungen, die Sie früher geschrieben haben?
10.02.2003 / 19.50

Antwort von Mohammad Aref:
Ich habe ein Buch in zwei Teile geteilt: Gedichte, die im Iran geschrieben worden sind, und Gedichte, die ich hier geschrieben habe. Ich kann zwei Elemente fest-stellen: Als ich im Iran über meine Situation im Iran geschrieben habe, war ich viel emotionaler und viel, ich könnte sogar sagen, hasserfüllter als später im Ausland. Allerdings musste ich vorsichtig sein, d. h. die Sprache ist blumig, ist voller Symbole. Im Ausland schreibt man, wenn man in einer Demokratie, in Freiheit lebt, ganz anders. Die Sprache ist natürlicher. Es sind weniger Symbole vorhanden, man beschreibt seine Situation und seine Gemütszustände viel direkter. Aber man redet auch sehr offen über das, was man früher abgelehnt hat. Sogar über seinen eigenen Hass redet man offener, und das ist die Möglichkeit, alles zu überwinden. Erst dadurch bin ich mir persönlich näher gekommen. Der Hass stand zwischen meinen Identitäten. Ich konnte nicht erkennen, ob ich Schwächen oder Stärken habe und wo mein Problem liegt.
10.02.2003 / 19.51

Frage:
Sie sind ja nun ein Meister zweier Sprachen. Wie erleben Sie den Unterschied des Dichtens in Ihrer ursprünglichen Sprache und jetzt in der deutschen Sprache? Ist es vergleichbar? Ist es schwieriger in der einen Sprache als in der anderen?
10.02.2003 / 19.52

Antwort von Mohammad Aref:
Ich würde sagen, es sind zwei Welten, und ich bin froh, in zwei Welten leben und mich bewegen zu dürfen. Im Persischen bin ich viel freier, ich kann mich viel freier bewegen, in der Symbolik, in der Geschichte der Sprache. Im Deutschen werde ich nie perfekt sein, weil ich keine Kindheit in dieser Sprache hatte. Ich werde die deutsche Sprache auch nie als meine Muttersprache bezeichnen können. Aber im Deutschen habe ich die Möglichkeit, mich sozusagen schlau zu machen. Ich kann viele Bücher benützen und eine Sprache entwickeln, die keine Muttersprache ist. Ich habe die Chance, eine eigene Sprache zu entwickeln. Das, was ich schreibe, wird sofort erkannt als Sprache eines Ausländers. Das ist vielleicht ein "Markenzeichen" meiner Sprache im Deutschen.
10.02.2003 / 19.52

Frage:
An welchem Projekt arbeiten Sie zur Zeit?
10.02.2003 / 19.52

Antwort von Mohammad Aref:
Zur Zeit schreibe ich an einem deutschen Roman, eine Verknüpfung zwischen der deutschen Literaturgeschichte und der Gegenwart, aus dem Blickwinkel eines Ausländers, obwohl ich kein Ausländer mehr bin. Ich bin Deutscher und habe den deutschen Pass, aber trotzdem bleibe ich glaube ich zu 50 % ein Ausländer, von meinem Aussehen und von meiner Kindheit her, weil ich 25 Jahre lang im Iran gelebt habe. Ich finde es sehr spannend, die deutsche Kultur und Geschichte und besonders die deutsche Literaturgeschichte aus diesem Blickwinkel zu sehen und meine Eindrücke zu formulieren. Jedes Mal, wenn ich vor einem weißen Blatt sitze, finde ich es spannend, und es macht mir viel Freude zu schreiben. Wann ich fertig sein werde, weiß ich leider nicht.
10.02.2003 / 19.53

Frage:
Wie erleben Sie Stuttgart als Ort, an dem Menschen aus vielen Nationen leben?
10.02.2003 / 19.53

Antwort von Mohammad Aref:
Ich sehe eine sehr positive Entwicklung in Stuttgart. Ich bin seit 15 Jahren hier und habe damals sofort angefangen, aktiv zu sein. Wir haben einen Flüchtlingsverein gegründet, dann eine Theatergruppe und verschiedene Vereine, und wir waren ständig in Kontakt mit deutschen Ämtern, haben einen Freundeskreis aufgebaut usw. Man konnte in den 80ern und Anfang der 90er Jahre hier erleben, dass um 10 Uhr abends alles tot war. Jetzt sieht man, dass das Leben nach Stuttgart zurückgekommen ist und nach 10 Uhr erst richtig los geht, besonders am Wochenende. Das ist wunderschön. Früher war es nicht so. Man sieht, dass die Ausländer sich sehr wohl fühlen in Stuttgart. Ausländer sind in vielen Organisationen aktiv, sie sind angesehen, sie werden respektiert. Stuttgart beschreitet einen sehr wichtigen und vielleicht auch richtigen Weg, in dem Sinne, dass das Verhältnis zwischen Ausländern und Deutschen offener wird. Man sieht viel mehr Festivals mit ausländischer Kultur, wie z. B. über den iranischen Film.
10.02.2003 / 19.54

Frage:
Sie würden es generell für wünschenswert halten, dass mehr ausländische Kunst und Kultur in Stuttgart präsent wäre?
10.02.2003 / 19.54

Antwort von Mohammad Aref:
Ja! Und dabei auch Künstler zeigen, die nicht etabliert und offiziell sind, die im Schatten stehen. Das wäre eine Chance.
10.02.2003 / 19.55

Frage:
Soll Stuttgart Olympia-Stadt werden?
10.02.2003 / 19.55

Antwort von Mohammad Aref:
Auf jeden Fall. Das wünsche ich mir wirklich. Ich hoffe, dass Stuttgart das wird. Es hätte sehr große positive Auswirkungen.
10.02.2003 / 19.55

Frage:
Was würden Sie sich für eine Kultur-Olympiade wünschen?
10.02.2003 / 19.56

Antwort von Mohammad Aref:
Man sollte von den Gastländern einer Olympiade möglichst viele Gesichter zeigen. Iran hat verschiedene Gesichter, ein islamisches und ein nicht-islamisches, ein zeitgenössisches, ein altes, und natürlich auch ein verbotenes Gesicht, ein Gesicht, das im Schatten steht. Ich wünsche mir, dass Stuttgart in der Lage sein wird, alle Gesichter dieser Länder zu zeigen.
10.02.2003 / 19.56

Max Dorner (m.dorner@klett-cotta.de)
Lieber Mohammad Aref,
bei der Arbeit an dem Band "Lebenslust" ist mir erst bewußt geworden, daß es bei zehn Autoren auch wirklich zehn Motivationen gibt, hier in Deutschland zu leben und nochmal zehn, auf deutsch zu schreiben. - Glauben Sie, daß es dennoch so etwas wie einen gemeinsamen Nenner, eine übergreifende Haltung von deutsch-schreibenden Autoren nicht-deutscher Herkunft gibt?
14.02.2003 / 15.40

Antwort von Mohammad Aref:
Ich glaube, nicht nur die Autoren, sondern alle Menschen suchen sehnsüchtig nach ihrer verlorenen Heimat, Paradies, Utopie. Manche glauben, sie liegt irgendwo in ihrer Kindheit, auch Kindheit der Menschheit, in der Unschuld. Manche suchen sie in der Zukunft, glauben, man könne sie erreichen. Herbert Grönemeyer sagt, die Heimat sei ein Gefühl. Dieses Gefühl macht süchtig, läßt einen nie in Ruhe, hetzt ihn ein Leben lang. Man begegnet ihm im Leben öfters als man es glaubt. Mal an einem regnerischen Tag, mal in einem fernen Hafen oder Teehaus, mal geht man an ihm vorbei, ohne es zu erkennen, mal umarmt man es, ist sich aber nicht sicher, woran diese Umarmung erinnert, und mal sieht man seinen Tod mit eigenen Augen und will das nicht wahr haben. Es gibt auch Menschen, die dazu verdammt sind, alle Varianten dieser Sehnsucht zu durchleben, ohne eine dieser Begegnungen vergessen zu dürfen. Das ist die Qual der Wahllosigkeit.


Deutsch-Schreiben bedeutet, die Heimat in einem Unort - Utopie - zu suchen und zu finden hoffen. Und weil wir 10 zufälligerweise auch Menschen sind, suchen wir sehnsüchtig nach diesem Gefühl des Zuhause-Seins in der deutschen Sprache.

20.02.2003 / 09.59


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